Interview: Architektur mit Simon Schubert, der Kölner Künstler hat eine einzigartige Ausdrucksform entwickelt: Durch eine besondere Falttechnik verwandelt er Papier in erstaunliche...

Meist sind es Innenräume, die Simon Schubert mit dieser außergewöhnlichen Vorgehensweise – das genaue Verfahren ist geheim – festhält. Durch die Faltungen entsteht die Wirkung eines Negativabdrucks eines Raumes, etwa so, wie man es als Kind häufig getan hat, wenn man eine Münze unter ein Blatt Papier gelegt und diese mit Bleistift abschraffiert hat. Ein ähnlicher Effekt entsteht auch bei Simon Schubert: Es wird ins Papier hineingestaltet, durch Faltung wird in der weißen Fläche eine räumlich wirkende Struktur geschaffen, die sich durch das Licht- und Schattenspiel plastisch vor den Augen des Betrachters – im wahrsten Sinne des Wortes – entfaltet.

Der Künstler selbst sagt, dass er das Papier aus der Sicht eines Bildhauers betrachtet. Tatsächlich kommt er aus dieser Richtung: Schubert hat Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und fertigt neben den Papierarbeiten auch raumgreifende figurative Installationen, für die er unterschiedlichste Materialien – etwa Haar, Kleidung, Gips – verarbeitet. Einige dieser Figuren sind nur Rückseiten, man kann um sie herumlaufen ohne jedoch eine Vorderseite zu erkennen – oft drängt sich etwas zwischen Betrachter und Skulptur, ein Vorhang aus Haaren oder Federn etwa oder ein Spiegel, der freie Blick wird unmöglich gemacht. In beiden Arbeitsweisen nähert sich Schubert ähnlichen Fragestellungen an. Seine Themen kreisen um Einsamkeit, Isolation, Verlust und Auflösung, der Künstler ist auf der Suche nach dem Unendlichen in der Endlichkeit.

Wie er zum Papierfalten kam, welche Einflüsse es gibt und warum architektonische Formen eine besondere Faszination für ihn haben, darüber gibt Simon Schubert im Interview mit Simone Kraft Auskunft.

Simone Kraft: Sie kommen aus dem Bereich der Bildhauerei. Papier hingegen erwartet man zunächst in der »zweidimensionalen« Malerei, als Bildträger, aber nicht als eigentliches Arbeitsmaterial. Wie sind Sie zum Papierfalten, zur Arbeit mit Papier gekommen?

Simon Schubert: Ich sehe die Papierfaltungen als skulpturale Zeichnungen, die sich zwischen Zwei- und Dreidimensionalität bewegen. Tatsächlich sind es sehr flache Reliefs. Somit ist der Weg von der Skulptur zur Papierfaltung nicht sehr weit. Ich habe während des Studiums als Assistent des Philosophieprofessors Dr. Paul Good an der Kunstakademie Düsseldorf gearbeitet. Dort bin ich mit den Texten von Samuel Beckett in Kontakt gekommen und schließlich zu der Idee, ein Porträt von Beckett zu machen.

Die Faltung eines Porträts war ein Versuch, mehrere Ebenen in das Porträt zu bringen. Auf der einen Seite das tatsächliche Wiedergeben des Gesichts, andererseits die Auflösung und Reduktion der Mittel, was man auch als stilistisches und inhaltliches Mittel bei Beckett finden kann, und Papier als Material der Schriftsteller und die Tendenz ins Weiß, die auch oft bei Beckett zu finden ist.

Gibt es noch weitere Einflüsse und/oder Vorbilder für Ihre Arbeit?

Simon Schubert: Einflüsse kommen meist aus der Literatur, der Philosophie oder dem Film. Es gibt natürlich auch eine große Menge bildender Kunst, die einen beeinflusst. Beckett war eine Zeit lang sehr wichtig. Douglas R. Hofstadter, Gilles Deleuze, Edgar Allen Poe ebenfalls.

In einem anderen Interview erwähnten Sie, dass Sie sich auch mit der Philosophie von G. W. Leibniz, Deleuze oder Hofstadter beschäftigen. Sind Ihre Faltungen bewusst eingebettet in die Philosophie? Oder ist dies eher eine thematische Parallele, mit der zu beschäftigen sich anbietet?

Simon Schubert: Die Beschäftigung ist teilweise Ausgangspunkt und Inspiration für meine Arbeiten, wobei es sich nicht um eine Illustration der Gedanken handelt, sondern eher um Anstöße und Parallelen. Die Leibniz’sche Monadentheorie und die Ausführungen von Deleuze führen natürlich noch viel weiter in komplexe Welterklärungen.

Warum Kunst – was ermöglicht Ihnen die künstlerische Arbeit?

Simon Schubert: Wenn man von einem Ziel sprechen möchte, so könnte man sagen, dass ich versuche, Bilder für Dinge zu finden, die man so nicht mit Worten umschreiben kann. Wenn man alles mit Worten sagen könnte, müsste es vermutlich keine Kunst geben.

In Ihren Falt-Arbeiten sind Innenräume das Motiv. Was interessiert sie an Architektur? Sind es »Fantasieräume« oder gibt konkrete Vorbilder?

Simon Schubert: Die Arbeiten sind teilweise biografisch geprägt und teilweise sind es Themen, die mich interessieren. Bei einigen Arbeiten, Skulpturen wie architektonische Faltungen, ist es der Versuch, etwas eigentlich Unmögliches darzustellen bzw. sich ihm zu nähern. Diese Bilder sind frei konstruiert und sehr komplex mit vielen Spiegeln und Durchgängen.

Es gibt auch einige Serien zu zerstörten Gebäuden (z.B. Berliner Stadtschloss), die natürlich nach Fotos und Plänen gestaltet sind.

Wollen Sie uns eine konkrete Arbeit näher vorstellen?

Simon Schubert: Ich arbeite zur Zeit an einer großen Installation, die ich ab dem 2. September im Bregenzer Kunstverein Magazin 4 ausstellen werde. Die Ausstellung wird »Haus Ascher« heißen und bezieht sich auf die Kurzgeschichte »The fall of the house of Usher« von Edgar Allen Poe. Für die Ausstellung wird der Ausstellungsraum in mehrere begehbare gefaltete Räume aus Papier umgewandelt, die eine gefaltete Rekonstruktion eines inzwischen zerstörten Hauses aus dem 19. Jahrhundert darstellen. In diesen Räumen werden zahlreiche Faltungen und Skulpturen zu sehen sein.

Gibt es Verbindungen zwischen den beiden Medien, Papierarbeiten und Skulpturen/Installationen?

Simon Schubert: Verbindungen bestehen einerseits auf inhaltlicher Ebene, andererseits finden die beiden Arbeitsweisen in den großen, begehbaren Papierinstallationen zusammen.

Benutzen Sie besonderes Papier für Ihre Arbeiten?

Simon Schubert: Das Papier muss ein spezielles Gewicht und eine gewisse Länge der Fasern haben. Die Härte, Steifheit und Oberfläche sind ebenfalls wichtig. Das Papier, das ich meistens verwende, ist aber ein normales Papier aus dem Künstlerbedarf.

Wie werden die Arbeiten am Ende präsentiert – hinter Glas wie ein »Bild« oder direkt an der Wand, wie ein Relief?

Simon Schubert: Sowohl als auch. Die meisten Arbeiten sind 75 x 50 cm oder 100 x 75 cm groß, aber es gibt auch kleinere Werke (ca. 35 x 24 cm). Die größten umfassen etwa 180 x 150 cm. Wenn einzelne Bilder präsentiert werden, sind diese meist in einem tiefen weißen Rahmen hinter entspiegeltem Glas aufgezogen. Wenn ich allerdings eine größere Wand oder Rauminstallationen ausstelle, so sind meist die Bilder in die gefaltete Wand oder den gefalteten Raum direkt integriert. Also Papier auf Papier.

Das Interview erschien am 3.8.2011 in der AZ Architekturzeitung

Mit Simon Schubert sprach Simone Kraft

Simone Kraft ist Kunst- und Architekturhistorikerin aus Heidelberg und arbeitet als freie Kuratorin, Journalistin und Lektorin. Sie betreibt die Seite deconarch.com zu ARTitecture | Kunst und Architektur.

Zur Internetseite von Simon Schubert

o.T. (Treppenhaus), 100 cm x 75 cm, 2008

Abbildung © Simon Schubert

o.T. (langer Flur), 2009,100×75

Abbildung © Simon Schubert

o.T. (Flur mit Türen), 2005, 75 cm x 50 cm

Abbildung © Simon Schubert

o.T. (Hütte), 2006, 75 cm x 50 cm

Abbildung © Simon Schubert

24-Monode, 2008, 215 cm x 80 cm x 195 cm, mixed media |

Foto: Maurice Cox

23-Monode, 2008, 215 cm x 80 cm x 195 cm, mixed media |

Foto: Maurice Cox

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